Von Mäusen und Geeks

Filed under: Piraten — Aleks A @ 10:49

Ich in heute freundlich eingeladen worden, Anträge der Piraten zu unterstützen, die an den Regeln für Liquid Feedback irgendwas ändern sollten. Ich habe dankend abgelehnt. Wobei mich das Vertrauen sehr ehrt, dafür persönlich und direkt angesprochen zu werden. Auch weil ich den Piraten schätze, der das tat.

Doch bin ich der ganzen Diskussion überdrüssig, die die Piraten in der Werkzeug zur direkten Demokratie „Liquid Feedback“ (LQFB) führen. Ich fühle mich wie in meiner Arbeit, bei der mehrere Mitarbeiter mindestens einen Personenmonat damit verbracht haben zu diskutieren, wie viele Zeichen pro Zeile das Versionierungssystem maximal akzeptieren sollte. Auch dort habe ich die Reißleine gezogen und die Kollegen gebeten, sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Dort wie hier, bei den Piraten, diskutieren wir um unserem eigenen Nabel herum, anstatt uns um die Arbeit zu kümmern. Ich persönlich mache lieber Politik auf eine der 100 Baustellen in Deutschland und Europa, als bei dieser ewigen Tooldiskussion weiter Zeit und Energie zu verbrennen. Auch dann, wenn manche LQFB (ein Werkzeug) zur politischen Ausrichtung der Piraten hoch stilisieren, so bleibt es ein Werkzeug zur Erringung politischer Ziele.

Ehrlich Leute: Irgendwann ist gut mit dem Fummeln am Tool. Piraten sind leider noch mehrheitlich Geeks, wollen alles zu 100% und jeder der es nicht so sieht ist der böse Wolf. Von mir aus. Ich bin zufrieden mit 80% Zielerreichung, weil die restlichen 20% mehr Zeit und Energie verbrauchen als es Wert ist. Ich bin nicht Pirat geworden, um an Satzungen, Regeln, Werkzeuge zu fummeln, bis das System mit 99,999% Effizienz läuft. Sondern um die Gesellschaft zu ändern. Sie progressiver, freiheitlicher, hoffentlich besser machen. Um Deutschland und Europa in das 21. Jhd. zu hieven.

Wir Piraten bremsen uns selber in der politischen Arbeit mit dem Geek-Fundamentalismus. Macht doch, bringt das Tool auf 99,999% Effizienz, viel Erfolg dabei. Mir ist es die Mühe nicht wert, weil um uns die Konservativen von CDU/CSU, FDP, SPD und teilweise der Grünen die Demokratie zerstören, weil sie auf Bürgerrechte treten, weil sie uns ins 19 Jhdt. zurückbringen wollen, zu Bismarks Zeiten, wenn’s geht. Der Kampf dagegen ist mir wichtiger als die 99,999% Effizienz eines Werkzeuges zur Liquid Democracy.

11 Comments »

  1. Da stimme ich Dir zu Aleks. Doch wir müssen diese 80% erstmal erreichen, denn momentan halten sich viele wegen offenen Datenschutzfragen aus dem System heraus. Wir brauchen aber ein Meinungsbildungstool, um Online politische Fragen voran zu bringen. Hierfür brauchen wir tragfähige Kompromisse, so dass wir die andere hälfte der Piraten auch noch für das System (und den damit einhergehenden Prozess) begeistern können. Mir geht es dabei einzig und allein um diese DS-Fragen, ob nun Themenbereiche neu Angelegt werden o.ä. ist tatsächlich zweitrangig.

    Comment von Vali — 3. November. 2010 @ 10:55

  2. Vali,

    ich dachte, wir hätten eine tragfähigen Kompromiss in der Entscheidung des Bundesvorstandes vom Juli getroffen, die LQFB freigab unter ganz bestimmten Bedingungen.

    Dass diese Bedingungen nicht erfüllt wurden liegt nicht daran, dass es kein Kompromiss gegeben hätte, sondern dass manche Menschen der Meinung sind, ein gewählter Bundesvorstand sei weniger wert als sie.

    Oder habe ich es falsch verstanden?
    Und andererseits – ich will Politik machen, ich will Politik bewegen. Spielt weiter an Tools rum und sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid. Spielt LaForge im Maschinenraum, ich bin lieber Picard oder Ryker. (Geek Mode Off)

    Comment von Aleks A — 3. November. 2010 @ 12:22

  3. Hi Aleks,

    Ob LQFB oder NRW-Satzung: Die Debatten ähneln sich. Und wie mir scheint, lernen die Informatiker eine entscheidende Säule der Mathematik nicht im Studium kennen:
    Gödels Satz.
    An dem führt kein Weg vorbei und jeder, der eine 100%-Lösung will, macht damit nur klar, dass er genau das nicht verstanden hat.
    Jedes Regelwerk, das mehr als ein halbes Dutzend Sätze enthält, enthält implizit weitere Sätze, die niemand hineingeschrieben hat. So ist unser Universum schlichterdings. Wenn man aber ausser Stande ist, derley Wirklichkeit anzunehmen, dann begibt man sich auf jene schiefe Ebene, auf der sich das deutsche Steuerrecht schon sehr lange befindet.
    Denn jeder Versuch, an Gödels Unvollständigkeitstheorem vorbei zu agieren – und allemal der Versuch, seine Auswirkungen zu neutralisieren – vergrössert die Komplexität des Grundsystems und damit die Zahl der immanenten Sätze, die niemand geschrieben hat und niemand schreiben wollte.
    Eigentlich ist das ganz einfach…

    Comment von schwarzbart — 3. November. 2010 @ 12:35

  4. Die Datenschutzfrage bewegt mich (im Kern) eher weniger. Es geht bei dem System wie bei jedem derartigen um die Meinungsfindung und dabei wiederum um den Punk wer denn innerhalb einer Gruppe „das Sagen“(tm) hat.

    Wer etwas zu sagen hat bestimmt sich nicht wie man meinen könnte in dem Punkt wer alles Zugang erhält oder gewählt wird. Wer etwas zu sagen hat bestimmt sich über den Punkt wer von einem (informations)System ausgegrenzt wird. Will man wissen was für ein Ergebnis gewünscht ist muss sich anschauen wer vom Procedere *nicht* profitiert.

    Und das ist keine Lapalie Alex. An diesem kann eine Partei zerbrechen. Schaue Dir die Linke an. Sie zerreibt sich an der Unfähigkeit etwas zu etablieren was die Partei mit Ihren sehr weit auseinanderliegenden Flügeln innerlich befriedigt. Die LINKE hat dadurch kein Bild nach außen, verliert Schlagkraft und produziert demotivierte Mitglieder welche wie bei uns inzwischen nicht mehr wissen wofür bzw. für welche Inhalte und (letztlich) welche Nutznießer sie eigentlich auf die Straße gehen. Es reicht dabei nicht aus zu wissen das es schon „irgendwie“ in die richtige Richtung gehen wird. Sonst könnten wir die Grünen wählen/dort eintreten und die Piraten einstampfen. Es sind gerade diese „Kleinigkeiten“ welche auch die einst hehren Ziele und auch innerpartelich schiefgeleiteten Procederes welche letztenendes bei den Grünen dazu geführt haben das sie sind wie andere Parteien auch.

    Einmal auf der schiefen Bahn wird eine Kommunikations- und Machtelite sich nicht mehr selbst abschaffen. Seien es Deligierte oder eine LQFB-Delegations-Mächtige oder etwas anderes. Einmal richtig Bockmist gebaut ist der Ofen vermutlich aus.

    Grüße
    ALOA

    Comment von aloa5 — 3. November. 2010 @ 12:52

  5. Der Kompromiss von damals waren Wortgleich die selben Nutzungsbedingungen wie vorher (und sind es heute noch), nur dass sie von da an Kompromiss genannt wurden.

    Comment von SD — 3. November. 2010 @ 13:21

  6. Geholfen hat das Tool bisher jedenfalls nicht. Ergo muss es weg, so einfach ist das. Dann gibt es keine Diskussionen mehr darüber. Und dann können wir uns wieder um Bürgerrechte kümmern.
    Die Alternative: wir behalten das Tool, verraten selbst die Bürgerrechte und versinken in der Bedeutungslosigkeit (sic! nicht andersherum!).

    Comment von LQFB — 3. November. 2010 @ 13:50

  7. Unseren täglichen Klick gib uns heute…

    Also für mich als Pirat hat sich durch LQFB die Piratenpartei leider sehr negativ entwickelt. Es haben sich damit diejenigen durchgesetzt, die nicht mehr diskutieren wollen, sondern nur noch ihren täglichen Klick machen wollen. Das hat mit Politik aber nix mehr zu tun. Und mit Parteiarbeit schon gar nicht… Das ist Spielkindtum.

    LQFB hält mich davon ab, mich einzubringen. Auf eine solche Vorratsdatenspeicherung inklusive resultierender Einschränkung der Meinungsfreiheit habe ich keine Lust!!! LQFB gefährdet die innerparteiliche Demokratie, das wurde oft genug geschrieben.

    Darum ist es auch mMn nach totale Priorität Nummer 1, dass es endlich eine datenschutzgerechte Lösung gibt. Da kann man noch so viele Blogbeiträge schreiben und die Diskussion damit abwürgen wollen. Das wird nicht funktionieren!!!!

    LQFB hat wie nichts sonst die Piratenpartei gespalten. Zu verdanken haben wir es Alex Morlang, Christopher Lauer und den anderen Propagandabeauftragten, die den ganzen Tag nichts anderes mehr zu tun haben als auf Twitter, Mailinglisten etc. und auch auf dem Bundesparteitag die Mitpiraten zu bearbeiten und zu diffamieren, wenn sie nicht ihrer Meinung sind.

    Der Pro-LQFB-Mob hat sich aggressiv und unpiratig durchgesetzt!! Wer für Datenschutz ist, bei dem stehen bald die Befürworter mit ihren Transparenzmistgabeln vor der virtuellen Haustür. Die letzte Hoffnung liegt auf Chemnitz. Wenn dort dem Gebaren kein Einhalt geboten wird, dann gute Nacht Piratenpartei und gute Nacht Demokratie!!!

    Comment von Christian — 3. November. 2010 @ 15:24

  8. Christian,

    das ist hier ist keine Diskussion über Liquid Feedback, und ich möchte nicht, dass es eine wird. Es laufen genügend Diskussionen darüber woanders.

    Danke
    Aleks

    Comment von Aleks A — 3. November. 2010 @ 16:05

  9. das ist hier ist keine Diskussion über Liquid Feedback

    Dir ist schon bewusst das Dein Blogeintrag sich um nichts anderes dreht als um LQFB, dessen Bedeutung oder aus Deiner Sicht eben Bedeutungslosigkeit und das vom allerersten Satz begonnen bis in den letzten Satz hinein?

    Grüße
    ALOA

    Comment von aloa5 — 3. November. 2010 @ 16:20

  10. Nein. Eben nicht.

    Aber schade, dass ihr euch Mal wieder an einem Wort aufhängt, ohne den Rest zu Lesen und zu Rezipieren. Ich hätte vielleicht über Wiki schreiben sollen. Weniger Kommentare, aber mehr zum Ziel.

    Ich will politische Arbeit machen, und nicht die 100.000ste verfickte Tool Diskussion führen.

    Wenn hier eine LQFB Diskussion ausbricht setze ich den Blog auf moderiert und weise LQFB Postings ab.

    Comment von Aleks A — 3. November. 2010 @ 16:48

  11. An die ganzen Technokraten, die hier gegen diese gut ausgedrückte Meinung wettern:
    Ja, ihr habt recht, man muss das Ding solide hinbiegen. Aber soll ich euch was sagen. Es klappt nicht, es klappt nie. Nichts ist schon zu Beginn so, wie es später sein soll. Es entwickelt sich. LD ist möglich, … aber mit der 100.000sten Diskussion verfehlt die Piratenpartei ist Ziel:
    Die Deutsche Demokratie vor dem Untergang zu bewahren.

    Denn durch quatschen ist nie geholfen, höchstens durch aufklären (Ich denk das Vid verdeutlicht das. Aufklären, nicht labern: http://www.youtube.com/watch?v=uav-HUFu5Ms#t=27m25s)

    Gerade jetzt brauchen wir nicht noch so eine Partei, die labert. Gerade jetzt, wo in Deutschland hundertfach DOKUMENTIERT Grundrechte mit Füßen getreten werden (Polizeiprügel und -Lügen bei Stuttgart21), jetzt wo die Menschen aufstehen, aktiver waren als in den letzten 10 Jahren zuvor – jetzt, wo alle interessierten dank Vernetzung immer mehr miteinander kommunizieren, jetzt wo uns die (EU-)Regierung die Zensurgesetze unterschiebt (Zensursula, Cencilia) JETZT wollt ihr quatschen? Geht raus auf die Straße, sprecht mit den Menschen, zieht sie auf die gute Seite. Weg von den etablierten, die sie nur verarschen.

    Ist denn jetzt schon die Piratenpartei zu einer Reglementierungswikipedia verkommen? Ist die Piratenpartei schon so sehr unterwandert? Haben denn jetzt schon Politkarrieristen die Partei besetzt?

    Piratenpartei hieß Bewegung, Aktion, „Zeit zum ändern“ und nicht hinsetzen und sich in Details verlieren.

    Comment von TutNixZurSache — 3. November. 2010 @ 18:58

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