Die asoziale Republik

Filed under: Neoliberalismus — Aleks A @ 10:52

Ich wische mir den Schlaf aus den Augen, werde mit Schlagzeilen konfrontiert wie: „Wolfgang Schäuble sieht „erheblichen Spielraum“ für Einsparungen bei den sozialen Sicherungssystemen“ oder „Rechnungshof kritisiert Luxusvergütungen bei Bundesagentur“. Und nebenbei labert Guido Westerwelle Amok und tretet auf die Schwächsten der Schwachen.

Was sind wir für ein Land geworden unter der Ägide der Konservativen in CDU/CSU, FDP und SPD? Was sind wir für eine Gesellschaft geworden, die solche Leutchen wählt und nicht aus dem Amt jagt, sobald sie so einen hanebüchenen Blödsinn labern?

Leser meines Blogs wissen, dass ich ein Fan der „sozialen Marktwirtschaft“ bin. Nicht der Müll, den uns die Etablierten für eine solche verkaufen wollen, sondern diejenige, die in Deutschland bis zu den Siebzigern angewandt wurde. Wir sind aus dem solidarischen „Wohlstand für alle“ zum asozialen Sozialdarwinismus der Reaganomics übergegangen.

Ich bin in einer sozialdarwinisten Gesellschaft aufgewachsen, das wollt ihr nicht erleben! Schaut euch in Mexiko um, oder in manchen Teilen der USA. Dort leben Wohlhabende wie Reiche in umzäunte Ghettos, mit einem Sicherheitsdienst, der sie von der Außenwelt abtrennt. Dort draußen wiederum versuchen die Armen und der weniger wohlhabende Mittelstand zu überleben. Die Kriminalitätsrate ist hoch, die Sicherheit gering. Mexico, D.F. ist die „Hauptstadt der Entführungen“.

Wer mir also sagt, dass er die klassische soziale Marktwirtschaft nicht haben möchte, dass wir lieber in einer sozialdarwinistischen Gesellschaft angelsächsischer Prägung leben sollten, der sagt mir auch, dass er in einer Gesellschaft leben will, in der Reiche in Ghettos leben, und die Kriminalität hoch ist. „Survival of the fittest“ indeed.

Eines der Gründe, wieso es Deutschland über Jahrzehnte so gut gegangen ist, war der soziale Frieden, den die Soziale Marktwirtschaft stiftete sowie die Chancengleichheit, die durch kostenlose Bildung erreicht wurde. Die Regierungen der letzten 30 Jahren haben diese Ideale verlassen, sie mit Füßen getreten und sich gewundert, dass die Menschen immer weniger von ihren Politikern hielten.

Wir müssen zurück zu einer solidarischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich um alle kümmert, und nicht nur um die Bankenmanager. Eine Gesellschaft, die integrativ arbeitet und den Schwächeren eine Chance gibt, stärker zu werden. Denn die Schwächeren zu stärken wird die gesamte Gesellschaft stärken. Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Laßt uns alle Glieder dieser Gesellschaft stark machen.

Das fängt damit an, das asoziale Pack an der Macht abzuwählen.

4 Comments »

  1. Verantwortung der Politiker lag. Unsere Generation, die der Kinder der 68’ger, hat sich leider als fruchtbarer Boden für dessen Saat erwiesen. Wir sind, ob laizistisch oder religiös erzogen, stark rationalistisch in unserer Weltanschauung. Und als natürliche Trotz-Reaktion zu unseren Eltern sind wir eher Ideologie scheu und individualistisch geworden. So erschienen uns die neoliberalen Argumente als besonders charmant. Zum einen weil sie den Anschein rationaler Erklärungen haben: „Der Markt funktioniert wie ein natürliches Phänomen, und die Natur reguliert sich am besten selbst und am schlechtesten wenn der Mensch eingreift. Ergo ist es besser wenn wir den Markt sich selbst regulieren lassen“.
    Zum anderen weil sie trügerischerweise „unpolitisch“ aussehen.
    Und nicht zuletzt weil das Laisier-Faire vermeintlich den Individualisten entgegenkommt.

    Das kann man alles ganz nett klingen lassen, aber:
    -Der Markt ist nicht nur kein natürliches, sondern ein absolut vom Menschen getriebenes Phänomen. Er ähnelt der Natur nur in unserem Unvermögen sein Verhalten vorherzusagen. Im Gegensatz zur Natur, der wir unterstehen (oder unterstehen sollten), ist der Markt unsere Kreatur, er hat uns zu dienen. Sich dem Markt zu unterwerfen ist nicht rational sondern ziemlich bescheuert, wir haben uns alle selbst zum Narren gemacht.
    -Die nicht Einmischung ist genau so politisch wie jede andere Handlung oder Unterlassung des Staates.
    -Und seine Individualität kann nur derjenige ausleben der nicht von anderen unterdrückt wird; wir brauchen Regeln die es uns ermöglichen frei zu sein ohne uns dabei gegenseitig fertig zu machen.

    Das haben wir alle übersehen, wir haben vergessen auch von uns selbst einzufordern, dass unser Handeln nicht nur schön glänzend rational erklärt werden kann, sondern auch den Zweck des allgemeinen Wohls verfolgen muss. Wie du schon in einem früheren Beitrag gesagt hast, was wir brauchen ist eine Rückkehr zum Humanismus, zu einer Kultur die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nur Gott und der Natur untergeordnet. Gott kannst du gerne aus der Gleichung lassen wenn du den Laizismus vorziehst, ich wollte aber unterstreichen dass der Humanismus seinen Ursprung in den Gedanken frommer Menschen hatte.

    Comment von Andrés — 26. Mai. 2010 @ 14:59

  2. Full ACK

    Comment von Peter — 26. Mai. 2010 @ 16:54

  3. Andrés,

    das war wie üblich eine schöne Analyse von dir, der ich nichts zuzufügen habe. Zwar würde ich gott aus der Gleichung nehmen, wie du vermutest. Aber ich weiß auch, daß in diesem Fall gott nicht oder nicht nur religiös zu verstehen ist.

    Persönlich war ich nie ein Fan des Neoliberalismus, weil er für uneingeschränkte Macht des Marktes plädiert, und ich grundsätzlich der Meinung bin, daß Macht immer Kontrolle braucht. Trotzdem ist deine Analyse m.E. sehr wichtig und trifft den Kern der Sache sehr gut.

    Vielen Dank dafür
    Aleks

    Comment von Aleks A — 26. Mai. 2010 @ 17:05

  4. Die ersten Zeilen habe ich leider nicht gepastet… (Hier zur besseren Verständnis der einleitenden Worte)

    Ich bin vorbehaltlos deiner Meinung. Trotzdem möchte ich noch anfügen, dass die alles durchdringende Verseuchung mit neoliberalen „Gedankengut“, nicht nur in der

    Comment von Andrés — 26. Mai. 2010 @ 19:17

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Leave a comment

  • Themen

  • Zur Vorsicht:

  • Archiv

  • Meta

  • Die Wolke

  • Lizenz

    Alle Inhalte stehen unter folgender CC-Lizenz:

    Creative Commons License: Namensnennung - Keine kommerzielle Nutzung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0, Deutschland

    Ausnahmen nur nach ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung.
  • rechtsfreier Raum