Zur unsäglichen „Integrations“Debatte

Filed under: Ausländerpolitik,Konservative — Aleks A @ 12:52

Erlaubt mir, mit der Außensicht in den Diskurs einzugreifen. Dazu ein bisschen persönliche Geschichte, damit ihr wisst, woher ich diese Außensicht herleite:
Ich bin in Deutschland geboren, lebte aber zwischen meinem 3. und meinem 18. Lebensjahr in Spanien. Dort machte ich in einer Deutschen Auslandsschule als Quereinsteiger mein Abitur. Ich besitze zwei Staatsangehörigkeiten: Die Deutsche und die Spanische.

Nun zur Debatte: Tatsächlich meinen die Sprücheklopfer der Etablierten mit ihrer „Integrationsdiskussion“ eher Assimilation denn Integration. Alles, was sich nicht über einem Kamm scheren lässt ist doch Konservativen immer ein Dorn im Auge. Zusätzlich dazu sind sie gerade dabei, die niederen Instinkte der Bevölkerung zu befeuern, um am Rechten Rand zu fischen und die Leute vom Denken abzuhalten.

Andereseits sehe ich es als selbstverständlich, dass ich die Sprache meines Gastlandes soweit wie möglich beherrsche. Das ist ein Gebot der Freundlichkeit und des Respektes gegenüber meinen Gastgebern. Das heisst aber nicht, dass Immigranten sofort jedes Fitzelchen ihrer Kultur abstreifen sollten, um es gegen ein wie auch immer geartetes Deutschtum (soll ich hier von „Leitkultur“ reden?) zu tauschen.

Wenn ich in München in der Bahn sitze, höre ich bayerisch, hochdeutsch, türkisch, spanisch, katalanisch, ungarisch, italienisch… Und freue mich jedes Mal, dass wir die Chance haben, so viele unterschiedliche Eindrücke zu sammeln, so viel Neues zu erleben. Denn Vielfalt ist der Motor des (immateriellen wie materiellen) Fortschritts. Monokulturen überlasse ich Kleingeistern.

Das Gefasel der Etablierten rund um die „Parallelgesellschaft“ soll nur Angst schüren vor Andersartigkeit. Wie kleingeistig, wie langweilig. Ich freue mich immer wieder, wenn ich bei Freunden zu Besuch bin, und die ihre Kultur mit mir teilen. Ich lerne etwas dazu, ich bekomme etwas Neues mit und werde dadurch eine Erfahrung reicher.

Der Antrieb, die Sprache zu lernen ist durchaus vorhanden. Allerdings ist es in bestimmten Kulturkreisen (und hier spreche ich von besonders patriarchalisch geprägten Türken – u.U. gibt es andere) zu oft der Fall, dass die Frau im Haus verbleiben muss, keinen Kontakt mit der deutschen Außenwelt haben und beileibe kein Deutsch lernen darf.

Das hat mehr mit der patriarchalischen Einstellung dieser Menschen zu tun als dass es damit zu tun haben würde, Türke zu sein. Nur, da Türken eine Mehrheit unter den Einwanderer ausmachen, fällt es uns wohl besonders auf. Ich könnte mir vorstellen, dass solche Einstellungen auch bei Italiener, Spanier oder … keine Ahnung … Polen vorhanden sind.

Das Problem hier ist nicht die Herkunft der Menschen, sondern deren patriarchalische und ultrakonservative Einstellung. Doch davon wollen unsere Ultras natürlich nichts wissen. Wär ja noch schöner, wenn die Bürger auf den Gedanken kämen, dass Konservativismus Teil des Problems ist.

Nicht wahr, Herr Seehofer?

[UPDATE]: Und währenddessen deportiert die deutsche Regierung munter Roma ins unsichere Kosovo. JA WO LEBE ICH DENN?

5 Comments »

  1. Hi Aleks,

    wobei man eben manche Probleme der „verschleppten“ oder verhinderten Integration nicht nur auf patriarchalische Strukturen sondern eben auch auf religiöse Hindernisse oder kulturelle Barrieren, die bereits in den ursprünglichen Heimatländern seit Jahrzehnten existiert haben, zurückführen kann. Iris Alanyali hat dies in ihrer auch ernst gemeinten Kulturclash-Satire „Die blaue Reise“ treffend dargestellt, wenn sich ihr aus dem aufgeklärt-liberal türkischen Bildungsbürgertums Izmir stammender Vater über die kopftuchtragenden „Ali Babas“, „Landeier“ und Plastiktütenträger mokierte, die den Ruf der modernen Türkei schädigen würden.

    Gruß

    Klaus H.

    Comment von Klaus H. — 25. Oktober. 2010 @ 14:48

  2. Och, die patriarchalischen Strukturen waren nur ein Beispiel. Vielleicht habe ich dem zu viel Gewicht gegeben.

    Ich behaupte, dass Konservativismus und Ignoranz ein größeres Problem sind (nicht nur bei den Migranten).

    Die Debatte halte ich für bescheuert und von denselben Leuten gestartet, die uns auch die Neiddebatte um Hartz 4 sowie andere Hassprediger. dazu in Bälde mehr.

    Schönen Gruß
    Aleks

    Comment von Aleks A — 26. Oktober. 2010 @ 13:31

  3. Integrationsfähigkeit beinhaltet dabei auch die wechselseitige Disziplin beider Kulturen. Ein schönes Beispiel, das mir bereits mehrere „Erzieherinnen“ (früher nannte man sie Kindergärtnerinnen) und Eltern unabhängig von einander erzählten.

    Eine Mutter aus Ostmitteleuropa forderte (!) von ihnen kategorisch den konsequenten Deutschunterricht ihres Jungen, da man sich zuhause immer nur in der Muttersprache unterhalten würde. Denn dazu seien ja die Kindergärten da. Dazu (Spracherziehung) sind sie eben nicht da, aber die städtischen und kirchlichen Kindergärten geben jedes Jahr viel Geld aus, damit ihre Angestellten diese sich ohnehin ergebende „Verpflichtung“ auch gerade bei ohnehin sprachbehinderten deutschstämmigen Kleinkindern gewährleisten können. Ganz anders eine Familie aus Osteuropa, deren Sohn ohne Deutschkenntnisse erst mit drei Jahren nach Deutschland kam. Dort wurde auch zuhause konsequent versucht immer Deutsch mit dem Jungen zu sprechen, sowie die Erzieherinnen gebeten (!) den Jungen zu fördern. Man muss nicht lange überlegen, welches Kind am Ende besser Deutsch gesprochen hat.

    Mein Fazit: Was als selbstverständlich eingefordert und dann auch noch widerwillig gewährt wird, ist leider oft weniger wert, wie jenes, was erbeten wird.

    Comment von Klaus H. — 26. Oktober. 2010 @ 15:21

  4. Hallo Klaus, ich möchte dir keine Fremdenfeindlichkeit oder ähnliches unterstellen, aber ich muss deinem Beispiel entschieden widersprechen. Zunächst will ich deine Frage im Allgemeinen beantworten: Es hat am Ende das Kind besser Deutsch gesprochen, dass von Muttersprachlern gelernt hat. Man kann keine Sprache richtig lernen von Menschen die sie nicht richtig können. Ich bin hier Ausländer, bin Ausländer in mehreren Ländern gewesen und habe mein Leben lang mit Menschen gelebt die hier und dort Ausländer waren. Ich habe immer erlebt, dass zuhause die Muttersprache der Eltern, sonst, auf der Schule und auf der Strasse, die Landesprache. Dadurch sind die Kinder zwei-, manchmal dreisprachig aufgewachsen und haben gelernt sich in mehreren Kulturen gleichzeitig zu entfalten. Das war bei mir so, bei Dutzenden von Freunden so, und bei Hunderten von Bekannten. Das ist der Normalfall.
    Natürlich ist es absurd und unzulässig die einzelnen Erzieher und Lehrer die Schuld dafür zu geben dass ein Kind kein Deutsch lernt (Übrigens, gibt es Statistiken die belegen dass es eine Signifikante Anzahl von Menschen gibt die in Deutschland aufwuchsen und trotzdem kein Deutsch sprechen? Oder ist es ein weiteres dieser Phantom Argumente, die ins Feld geführt werden um Ausländer allgemein als „Integrationsunwillig“ abzustempeln?). Aber insgesamt betrachtet muss man sagen, dass, wenn jemand tatsächlich Kindergarten und Grundschule besucht und anschließend immer noch nicht Deutsch spricht, es sich um ein klägliches Scheitern des Schulsystems handelt.
    Und schließlich, wirklich nicht als Vorwurf sondern als Aufruf zum Nachdenken: Wie kommt man dazu, jemandem vorschreiben zu wollen in welcher Sprache er mit seinen Kindern sprechen soll? Fällt dir dazu eine Antwort ein die nicht letztendlich doch erschreckend ist?

    Comment von Andrés — 27. Oktober. 2010 @ 09:40

  5. Hi Andrés,

    es geht nicht darum, einer Polin vorzuschreiben oder zu empfehlen, in welcher Sprache sie primär mit ihren Kindern zuhause redet (denn gerade das dient ja schließlich der kulturellen Identität, die jedem Volk belassen sein sollte), sondern um die überall auf beiden Seite irritierende Anspruchshaltung gegenüber dem Bildungssystem, das im Laufe der letzten 15 Jahre Erziehungsaufgaben übernehmen „soll“ und „muss“, für die ursprünglich die Eltern verantwortlich waren. Wenn Fünfjährige ohne Migrationshintergrund keinen einzigen verständlichen Satz formulieren können oder aufgrund von ignorierten Gaumenfehlbildungen erst kurz vor den Einschulungstests zu Sprachbehindertenpädagogen gehen müssen, weil ihre Eltern es lieber ignorierten, dass der ach so charmante Bub sich lieber neben ein paar Worten lieber mit Zeichensprache verständigte, dann sagt dies sehr wohl etwas über das Versagen vieler Eltern in Deutschland aus, zumal das leider keine Einzelfälle sind. Die latente Verweigerungshaltung überforderter ErzieherInnen ist somit vorprogrammiert.

    http://www.lwl.org/zedweb/index.jsp?frmName=&frmEinrichtungsgruppe=&frmAltersgruppe=&frmZielgruppe=&frmRegBez=&frmAktRegBez=&frmKreis=5%3B62%3B%3BRecklinghausen++++++++++++++++++++++++++&frmAktKreis=5%3B62%3B%3BRecklinghausen++++++++++++++++++++++++++&frmGemeinde=&frmAktGemeinde=&frmReset=l%C3%B6schen&suchen=Suchen

    Und da gibt es bei Eltern mit oder ohne Migrationshintergrund unter dem Strich erschreckende Gemeinsamkeiten. Auf beide Phänomene sind Generationen von Lehrern und Erziehern ungenügend vorbereitet worden, zumal das Kinderbildungsgesetz – KiBiz – erst von 2008 datiert. Dies sieht ausdrücklich vor, dass Kinder mit und ohne Behinderung Kindergärten, Horte und altersgemischte Gruppen besuchen können. Also Integration in mehrfachem Sinne statt Separation.

    http://www.leben-mit-behinderungen.nrw.de/angebote/kindergarten.htm

    Und zu den Problemen der Russlanddeutschen illustiert ggf. folgender Link deren Problematik: http://dialog-berlin.de/Integration-und-Dialog/russlanddeutsches-leben.html

    Folgender Zeit-Artikel bietet zwar wieder das übliche Sammelsorium von durcheinandergewürfelten Fakten und Allgemeinplätzen, aber
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-01/migration-integration-statistik

    dieser sagt auch deutlich aus, dass „Separation“ kein Weg sein kann. s. Basismeldung des Statistischen Bundesamtes: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2010/01/PD10__033__122,templateId=renderPrint.psml

    Übrigens: Die Frage sollte eher lauten, ob es eine Statistik gibt, die jemals untersucht hat, ob Menschen in dem Land X seit Jahrzehnten leben bzw. arbeiten und ihre Kinder als Dolmetscher benötigen, da sie die Landesprache nicht beherrschen.

    Comment von Klaus H. — 27. Oktober. 2010 @ 17:01

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